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ORIGINALE
RETTEN
2001 wurde die „Allianz Schriftliches
Kulturgut Erhalten“ als Interessenge-
meinschaft von Archiven und Bibliothe-
ken gegründet. Ihr Ziel ist es, gefährdete
Originale kultureller und wissenschaftli-
cher Überlieferungen zu sichern. Gleich-
zeitig will sie diese Aufgabe stärker im
öfentlichen Bewusstsein verankern, zum
Beispiel, indem sie auf jährlich stattfn-
denden nationalen Aktionstagen – auch
in Erinnerung an den Brand der Her-
zogin Anna Amalia Bibliothek 2004 in
Weimar – für ihr Anliegen wirbt. Der
nächste Aktionstag fndet am 6. Okto-
ber in der Bayerischen Staatsbibliothek
in München statt. Dort werden zentrale
Fragen der Bestandserhaltung diskutiert:
Warum zerfallen Bücher und Archivali-
en? Welche Maßnahmen können gegen
saures Papier, Tintenfraß, Schimmel und
Einbandschäden ergrifen werden? Wa-
rum verschwinden digitale Daten? Wie
werden Bücher, Archivalien, Fotos, Kar-
ten, Noten und andere Bibliotheks- und
Archivbestände restauriert, digitalisiert
und langfristig erhalten? Wie lassen sich
Bücher im Brandfall schützen, ohne sie
durch Wasser zu beschädigen? Viele Fra-
gen also, die auch zum Alltag der Deut-
schen Nationalbibliothek gehören.
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MENSCHEN UND
IHRE BÜCHER
Derzeit wird in der Buchbranche viel über Digitalisierung diskutiert. E-Reader sind
auf dem Vormarsch. Ob man sich aber in einigen Jahrzehnten immer noch mit so
innigen Gefühlen an Dateien erinnert, wie man das heute beispielsweise bei Büchern
und Vinylschallplatten tut, ist fraglich. Dass man zu Medien aus der Kindheit und
Jugend eine ganz besondere emotionale Beziehung aufbauen kann, zeigt die Crowd-
sourcing-Kampagne der Deutschen Nationalbibliothek „Wir sind ein Jahrgang!“. Auf
der Aktionsseite zum 100-jährigen Jubiläum
http://einjahrgang.dnb.de
können Teil-
nehmer ein Foto von sich und einem Medium, das in ihrem Geburtsjahr erschienen
ist, hochladen und ihre ganz persönliche Geschichte dazu erzählen: Beate ist Jahrgang
1921 und erinnert sich noch gut an „Auerbachs Kinder-Kalender“, den sie zusammen
mit ihrem Bruder zu jedem Weihnachtsfest in einer neuen Ausgabe erhalten hat. Nora,
die 1984 geboren ist, wuchs mit den Familiengeschichten von Christine Nöstlinger
auf. In „Olf Obermeier und der Ödipus“ geht es um einen 14-Jährigen, der mit sage
und schreibe sieben Frauen zusammenwohnt und deswegen davon überzeugt ist, un-
ter dem Ödipus-Komplex zu leiden. Helwig (im Bild), Jahrgang 1938, musste lange
suchen, um in einem dürftigen Medienjahr fündig zu werden. Schließlich stieß er auf
„Der Herr Kortum“ von Kurt Kluge – ein grotesk-humorvoller Roman, ganz im Geiste
von Jean Paul, der zu den bevorzugten Autoren des pensionierten Lehrers gehört.
WIR SIND
EIN
JAHR
GANG!
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GEBUNDENE
PREISE
Am 11. März 2012 fand in der
Schweiz eine landesweite Volks-
abstimmung über die Buch-
preisbindung statt. Ergebnis:
56 Prozent sprachen sich da-
gegen aus. In Deutschland gibt
es den einheitlichen Buchpreis
seit 1888 als vereinsrechtliche
Regelung des Börsenvereins
des Deutschen Buchhandels
und später mit gesetzlicher
Grundlage. Während auch in
vielen anderen europäischen
Ländern die Buchpreisbindung
eine Selbstverständlichkeit ist,
wurde sie beispielsweise in
Großbritannien 1995 abge-
schaft. Seitdem liefern sich
dort Supermärkte und Groß-
flialisten massive Preiskämp-
fe. Allein in der Zeit zwischen
2006 und 2012 hat sich die
Zahl der Buchhandlungen im
Königreich fast halbiert, etwa
600 Gemeinden und Städte
haben überhaupt keine Buch-
handlung mehr. Kein gutes
Omen für den Bestand eidge-
nössischer Buchhandlungen.
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DIGITALES
GEDÄCHTNIS
Ein freier und zentraler Zugang zu In-
formationen gehört zu einer modernen
Demokratie. Das seit 2008 zugängliche
Internetportal Europeana, die Europäi-
sche Digitale Bibliothek, ist ein länder-
übergreifender Beitrag hierzu. Zudem wer-
den bundesdeutsche Kultur- und Wissen-
schaftseinrichtungen noch ab diesem Jahr
in der Deutschen Digitalen Bibliothek ihre
Sammlungsgegenstände in Bild, Ton und
Text weitgehend kostenfrei präsentieren.
Der digitale Bestand dieses Internetportals,
das 30.000 Kultur- und Wissenschaftsein-
richtungen einbinden soll, wird wiederum
in die Europeana mit einfießen. Wer sich
also schnell und einfach über das kulturelle
Erbe in Europa und Deutschland informie-
ren möchte, sollte sich die Internetadressen
www.deutsche-digitale-bibliothek.de
und
www.europeana.eu
als zentrale An-
laufstellen notieren oder gleich als Lesezei-
chen in seinem Browser hinterlegen.
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FRAUENVERSTEHER
IM LENDENSCHURZ
Nicht nur die Deutsche Nationalbibliothek
wird 100 Jahre alt, auch Tarzan wurde vor ei-
nem Jahrhundert geboren. 1912 veröfentlichte
ein Pulp-Magazin die Geschichte „Tarzan of the
Apes“ von Edgar Rice Burroughs, 1914 erschien
die erste Buchausgabe, dann folgten 23 Fort-
setzungen, die den Liane schwingenden edlen
Wilden aus dem Dschungel zur Kultfgur mach-
ten. In letzter Zeit ist es um Tarzan allerdings
recht ruhig geworden. Eigentlich verwunderlich,
entspricht er doch ganz dem modernen Män-
nerbild: Im Kampf mit den Übeln der Welt har-
ter Kerl und zu Hause ganz Gentleman, oben-
drein noch ziemlich gut gebaut und erfreulich
unbehaart. Was will Jane mehr? Sein geistiger
Vater war übrigens als Farmer ebenso erfolglos
wie als Goldgräber, Polizist und Vertreter von
Bleistiftspitzern. Doch die Idee mit dem Afen-
menschen machte Burroughs reich. Er hatte mit
Tarzan eine simple, aber wirkungsvolle Rezeptur
geschafen, die sich grob zwischen „Robinson
Crusoe“, „Dschungelbuch“, „Winnetou“ und
„Lederstrumpf“ bewegte. Abgeschmeckt wurde
der Bestseller mit einer Prise Zivilisationskritik.

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